Europa droht 2017 der Funknotstand

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doelf
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Europa droht 2017 der Funknotstand

Beitrag von doelf »

All jene, die Funkwellen für Gehirntumore verantwortlich machen, dürfen sich auf das kommende Jahr freuen: Am 13. Juni 2017 endet nämlich die Übergangsfrist für die EU-Richtlinie Radio Equipment Directive (2014/53/EU), welche neue Anforderungen an Funkgeräte stellt. Geräte, die ab dem 13. Juni 2017 verkauft werden, müssen diese Richtlinie und damit mehr als 200 europaweit harmonisierte Standards einhalten, doch bis jetzt wurden nur 23 dieser Standards veröffentlicht. Die Konsequenz: Funkstille über Europa!

Während man Altgeräte weiter verwenden darf, wird man nach Ansicht der Industrie gar keine Neugeräte mit Funktechnik mehr kaufen können. Die Neuregelung gilt nämlich nicht nur Neuentwicklungen, sondern auch für Modelle, die sich derzeit schon im Handel befinden. Denn auch diese müssen ab Mitte 2017 die neue Richtlinie erfüllen, ohne dass die notwendigen Standards überhaupt vorliegen. Betroffen sind praktisch alle Funktechnologien, allen voran Wireless-LAN, Bluetooth und GPS. Ob Router, WLAN-Stick, Bluetooth-Lautsprecher, Freisprechanlage, Smartphone, Tablet oder Notebook - alles muss neu geprüft werden oder aus dem Handel verschwinden. Es drohen leere Ladenlokale, verwaiste Online-Shops und hysterische Hamsterkäufe sowie der Schmuggel illegaler Funkwaren.

Nun werden solche Richtlinien nicht von einem Tag auf den anderen eingeführt und das gilt auch für die "Radio Equipment Directive" (2014/53/EU). Diese trat bereits im Juni 2016 in Kraft, allerdings mit einer einjährigen Übergangsfrist. Inzwischen zeichnet sich ab, dass diese Frist sehr knapp bemessen wurde, denn im Normalfall sollten alle Standards vorliegen, wenn die Entwicklung eines neuen Geräts in die finale Phase geht. Dies gilt umso mehr, wenn eine neue Richtlinie nicht nur Neuentwicklungen, sondern auch bereits erhältliche Geräte einschließt. Hersteller und Inverkehrbringer benötigen einfach eine Vorlaufzeit, um ihre Geräte abzustimmen und zu testen. Und genau das ist ein halbes Jahr vor Ablauf der Frist noch nicht möglich.

In einem Brandbrief an die zuständige EU-Kommission weist Digitaleurope, der Dachverband aller europäischen IT-Verbände, auf das Problem hin, und auch Ralf Koenzen, Geschäftsführer und Gründer des deutsche WLAN-Spezialisten LANCOM Systems, greift in einem Blog-Beitrag das Thema auf. Beide fordern eine Verlängerung der Übergangszeit um mindestens ein Jahr, sehen zwei Jahre aber als realistischer an. Sollte die EU-Kommission nicht reagieren, befürchten die Hersteller einen wirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe.

Die EU-Kommission verweist indes auf externe Prüfstellen, die sogenannten "Notified Bodies" (NBs). Wenn eine Prüfung aufgrund fehlender Normen im eigenen Haus nicht möglich ist, könne man eine externe Prüfung beauftragen. Dies sei den Herstellern aber offenbar zu aufwändig und teuer. Doch selbst wenn die Hersteller weder Kosten noch Mühen scheuen, können die weniger als 50 in Europa zugelassenen "Notified Bodies" binnen weniger Wochen unmöglich tausende von Funkgeräten untersuchen - zumal es auch hier noch keine qualifizierten Testmethoden gibt und es an geeignetem Personal und passenden Gerätschaften mangelt. Zudem wären diese Tests nur für eine bestimmte Kombination aus Hard- und Software gültig - werden Soft- oder Firmware aktualisiert, muss die Validierung wiederholt werden.

Und nun? Erwartet uns der Untergang des WiFi-Lands, wo der Gesetzgeber doch gerade erst die Störerhaftung ein wenig entschärft hat? Vermutlich wird die EU-Kommission genau das tun, was sie so gut wie immer tut: Kurz vor Ablauf der Übergangsfrist ganz pragmatisch eine Verlängerung beschließen. Aber was ist heutzutage schon sicher - mit dem Brexit und Präsident Trump hatten auch nur die wenigsten gerechnet...
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