Für Toshiba geht es ums Überleben

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doelf
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Für Toshiba geht es ums Überleben

Beitrag von doelf » 16 Feb 2017, 13:01

2014 hatte ein Bilanzskandal die japanische Toshiba Corporation erschüttert und im Rahmen der Aufarbeitung mussten die verantwortlichen Manager im Sommer 2015 gleich reihenweise ihren Hut nehmen. Lange Zeit sah es aus, als stünde das Unternehmen am Abgrund, doch nun ist es dank seiner US-amerikanischen Atom-Tochter einen entscheidenden Schritt weiter.

Für das Geschäftsjahr 2014 hatte Toshiba eigentlich schwarze Zahlen erwartet, doch dann wurde der Bilanzskandal aufgedeckt und nach Monaten ohne Quartalszahlen stand am Ende ein Verlust in Höhe von -37,8 Milliarden Yen (-315,2 Millionen US-Dollar) in den Büchern. Die Japaner hatten nämlich ihre Geschäftszahlen zwischen 2008 und 2014 kreativ aufgehübscht und die Gewinne vor Steuern um insgesamt 151,8 Milliarden Yen (ca. 1,128 Milliarden Euro) zu hoch angesetzt. Es wurde eng für Toshiba und nach einer kurzen Erholungspause steht die Firma nun schon wieder am Scheideweg.

Atomkraft ist und bleibt ein schmutziges Geschäft, schon alleine weil es keinerlei Konzepte für die dauerhafte Entsorgung der radioaktiven Abfälle gibt. Doch auch der Bau von neuen Kraftwerken birgt ungeheure Risiken, weshalb sich immer weniger Firmen in ein solches Abenteuer stürzen. Eine davon ist das US-Unternehmen "Westinghouse Electric Company", welches Toshiba im Februar 2006 für 5,4 Milliarden US-Dollar von "British Nuclear Fuels" (BNFL) gekauft hatte. Westinghouse selbst schluckte 2016 das Bauunternehmen "Stone & Webster", um zwei seiner Dauerbaustellen in den Griff zu bekommen. Zyankali wäre vermutlich eine verträglichere Pille gewesen.

Es geht um die im Jahr 2008 gestarteten Bauprojekte Vogtle 3 und 4 im US-Bundesstaat Georgia und V.C. Summer 2 und 3 im US-Bundesstaat South Carolina. In beiden Fällen sollen zwei neue Druckwasserreaktoren des Typs Westinghouse AP1000 mit einer Leistung von je 1,117 MWe in Betrieb genommen werden. Doch die US-Atomaufsicht "Nuclear Regulatory Commission" (NRC) verlangte mehrfach Nachbesserungen in Hinblick auf die Reaktor-Sicherheit und auch das Bauunternehmen hatte immer wieder mit Problemen und Verzögerungen zu kämpfen. Der Zeitplan ist längst gerissen und die Kosten liegen weit über dem ursprünglichen Angebot, doch ans Netz können die neuen Anlagen auch noch nicht.

Da Westinghouse auf einem Großteil der Mehrkosten sitzen bleiben wird, kaufte Toshibas US-Tochter kurzerhand das ausführende Bauunternehmen. Dieser Schritt sollte weitere Verzögerungen aufgrund von Rechtsstreitigkeiten vermeiden, doch in den Büchern fanden sich unschöne Überraschungen, die Toshiba nun an den Rand der Pleite gebracht haben. So bewertet Toshiba sein gesamtes Nukleargeschäft mit 712,5 Milliarden Yen (ca. 5,910 Milliarden Euro), wovon 625,3 Milliarden Yen auf das Bauunternehmen "Stone & Webster" fallen. Und diesen Wert schreiben die Japaner zu 100 Prozent als Wertminderung ab - ein wirtschaftlicher Totalverlust.

Für 2015 hatte Toshiba seinen Nettovermögenswert auf 672,3 Milliarden Yen (ca. 5,577 Milliarden Euro) beziffert und 460,0 Milliarden Yen (ca. 3,816 Milliarden Euro) in den Sand gesetzt. Für 2016 erwartet das Unternehmen nun einen Verlust in Höhe von 390,0 Milliarden Yen (ca. 3,235 Milliarden Euro) bei einem Nettovermögenswert von nur noch 110,0 Milliarden Yen (ca. 913 Millionen Euro). Die Japaner benötigen dringend frisches Geld und sind nun wohl auch bereit, hierfür ihr Speichergeschäft zu opfern. Dennoch scheint es mehr als fraglich, ob Toshiba diesen Finanz-GAU überleben wird.

Quelle:
https://www.toshiba.co.jp/about/ir/index.htm
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