Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

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Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von doelf » 03 Apr 2009, 17:23

Der Aufreger des Tages kommt, wie sollte es auch anders sein, aus Bayern: Der dortige Innenminister Joachim Herrmann scheint zu tief ins Weißbierglas geguckt zu haben, denn seine aktuelle Pressemitteilung erreicht gerade einmal unterstes Stammtischniveau. Für ihn stehen "Killerspiele" auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornos, ihre Konsumenten zeigen Gewaltbereitschaft und eine verkümmerte Fähigkeit, Mitleid zu empfinden.

Wir zitieren:
"Killerspiele widersprechen dem Wertekonsens unserer auf einem friedlichen Miteinander beruhenden Gesellschaft und gehören geächtet. In ihren schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt."
Hier in Aachen (liegt übrigens nicht in Bayern sondern an der Grenze zu den Niederlanden, wo viele Bayern ihre Drogen kaufen und dabei recht oft vom Zoll erwischt werden) ist es üblich, einen solch starken Tobak zunächst mit dem Ausspruch "Au Hur!" zu kommentieren, der keinesfalls eine Beleidigung darstellt, sondern dem Angegriffenen die notwendige Zeit verschafft, um eine Antwort vorzubereiten. Also: AU HUR!

Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass der bayrische Wertekonsens durch jahrzehntelange politische Inzucht nicht mehr die Werte der Bürger, sondern lediglich die einiger CSU-Politiker widerspiegelt. Und abgesehen davon ist Bayern zum Glück nicht repräsentativ für ganz Deutschland, auch wenn amerikanische und japanische Touristen dies zuweilen denken.

Joachim Herrmann unterstellt jedem, der "Killerspiele" konsumiert, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Er spricht unzähligen Spieler ab, auf das friedliche Miteinander in unserer Gesellschaft wert zu legen und unterstellt ihnen Gewaltbereitschaft:
"Damit sind derartige Spiele eine der Ursachen für die erschreckende Jugendgewalt und auch für Amokläufe, in den Szenen aus Killerspielen in die Realität übertragen werden."
Weiterhin stellt der Minister die Spieler auf eine Stufe mit Suchtkranken, die ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle haben:
"Immer mehr Kinder und Jugendliche versinken täglich stundenlang in dieser virtuellen Gewaltwelt. Für Schule und Ausbildung haben sie keine Zeit mehr und drohen, so für unsere Gesellschaft verloren zu gehen."
Geradezu subversiv versucht er, dem Leser seiner unverschämten Pressemitteilung die eigene Meinung aufzuzwingen. Wer gegen die Vergewaltigung von Kindern und gegen Drogen ist, muss auch gegen Killerspiele sein, lautet seine Botschaft. Man darf sich die Frage stellen, ob es seine Absicht war, eine große Zahl von Spielern sowie die Entwickler und Verkäufer dieser Produkte zu beleidigen, oder ob er Kinderpornografie und Drogen verharmlosen wollte.

Darum weisen wir an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, dass der Besitz von Kinderpornos und Drogen strafbar und gesellschaftlich geächtet ist. In beiden Fällen profitieren Kriminelle davon, dass unschuldigen Menschen schwerster Schaden zugefügt wird. Und dies kann man nicht einmal annähernd mit dem Schuss einer virtuellen Waffe auf einen Haufen Pixel vergleichen!

Joachim Herrmann hat vor der Veröffentlichung seiner Pressemitteilung sicherlich ausreichend recherchiert. So wie es sich anhört, nutzte er dazu die Überschriften der BILD-Zeitung sowie unterhaltsame TV-Magazine des Senders RTL. Nun hat er sich bis auf die Knochen blamiert und darf von mir kein Mitgefühl erwarten - schließlich bin ich ein asozialer und gewaltbereiter Junkie mit einer Vorliebe für... Nein, diesen Schuh zieh ich mir nicht an, Herr Herrmann! Ich gehe lieber Blumen gießen, um meine Nerven zu beruhigen.

Quelle:
http://www.stmi.bayern.de/presse/archiv/2009/127.php

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The Grinch
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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von The Grinch » 04 Apr 2009, 07:14

Eine Lüge, oder die Verheimlichung einer Tatsache, kann genau so schlimme Folgen haben!
Ich würde einen Politiker NIEMALS Fragen: Ist dieses Minenfeld geräumt, und kann ich nun gefahrlos über das Feld gehen?

Warum in der letzten Zeit derartig viele Platitüden und Pamphlete aus den Reihen der CDU/CSU kommen weiss nur der
liebe bayowarische Gott, denn die anderen sind ja "Ungläubige".
Fehlt nur noch das man in Bayern zu einem heiligen Krieg gegen diese aufruft, mit Herrn Schäuble als Büttenredner.

Es ist halt Wahlkampf um die "Vormachtstellung" in der Regierung (die betonung liegt hier auf "MACHT").

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Peter S.
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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von Peter S. » 04 Apr 2009, 12:50

doelf hat geschrieben:Zunächst einmal möchte ich anmerken, dass der bayrische Wertekonsens durch jahrzehntelange politische Inzucht nicht mehr die Werte der Bürger, sondern lediglich die einiger CSU-Politiker widerspiegelt.
Danke für die Ehrenrettung von mir als bayerischem Bürger :wink: !

Nun ist die Diskussion über "Killerspiele" nicht neu und wird alle Daumen lang mit mehr oder weniger treffenden Attributen und Vergleichen neu aufgewärmt. Als nächstes wird dann wieder mal ein Soziologe zitiert, der in irgendeiner Studie zweifelsfrei nachgewiesen hat, dass die virtuelle Ballerei keinerlei Einfluß auf die zarte Psyche der Heranwachsenden hat. Und die Studie wird mit einer Gegenstudie eines anderen Soziologen widerlegt...

Vergesst nicht, es ist Starkbierzeit in Bayern, Herrn Herrmann hört (nicht mal in Bayern) sonst eh keiner zu, muss er halt ein bisschen Wind machen. Vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun :wink:

Peter

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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von doelf » 04 Apr 2009, 16:55

Möglicherweise hat sich ganz oben eine höhere Autorität ebenfalls über diesen Schmarrn geärgert und den Wolfsburgern Flügel verliehen. 5:1, meine Güte!

Gruß

Michael

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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von The Grinch » 05 Apr 2009, 06:45

Warum kann ich diesen Diskussionen nichts abgewinnen?!

Alle blutrünstige Baller-/Gruselspiele sind FSK18 oder stehen eh auf dem Index!
Wie kommen also die "Minderjährigen" an die Software?

Wenn sich die Eltern nicht für ihre Sprösslinge interessieren, für deren schulischen Leistungen und Freizeitaktivitäten,
dann wäre es besser gewesen das Zeugs den Klo runter zu spülen.
Weder Lehrer, Ausbilder, Ordnungshüter oder die Allgemeinheit ist für die Erziehung und Wertebildung der Heranwachsenden zuständig!

Und was "virtuelle Killerspiele" angeht, schon zu seeligen Karl May Zeiten rannten die Kiddys mit hölzernen Pistolen und Gewehren
durch die Gegend und spielten Indianer, Cowboy, Gangster und Sherrif, mit viel echter Bewegung und "virtuellen" Toten.
Fordert man nun auch ein Verbot von Karl May?
Vieleicht sollten wir wieder eine Bücherverbrennung anzetteln!
Bin mal gespannt welcher Politiker als nächstes auf den gloreichen Gedanken kommt diese Taten einer Religion zu zuordnen,
dann brennen bestimmt als nächstes Bethäuser einer bestimmten Religion oder Vereinigung.

Gerade von Politikern sollte man doch dringlichst erwarten das die aus unserer Vergangenheit etwas gelernt haben!
Wo uns Zensur, Überwachung und Verbote hingeführt haben wissen wir doch.

Ich befürchte das wir den Umgang mit solchen Situationen nie lernen, jedenfalls nicht diejenigen die sich auserkoren fühlen
unser Volksgeschick zu lenken.

Stan

Brief an die Bayerische Staatsregierung

Beitrag von Stan » 07 Apr 2009, 22:58

Sehr geehrte Damen und Herren,

für Herrn Innenminister Herrmann ist es laut Pressemitteilung "wissenschaftlich klar erwiesen, dass der andauernde Konsum derartiger [Computer-]Spiele, in denen Gewalt und Brutalität anders als bei Filmen aktiv ausgeübt und gesteuert wird, die Gewaltbereitschaft fördert und die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, verkümmern lässt."

( Quelle: http://www.stmi.bayern.de/presse/archiv/2009/127.php )

Da mir keine einzige Quelle bekannt ist, wonach dies „wissenschaftlich klar erwiesen“ ist, hätte ich hierfür gerne eine beispielhafte Quellenangabe von nur einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, welche zu diesem eindeutigen Ergebnis kommt und weshalb beispielsweise die von mir genossene staatliche Zwangsausbildung zum mitleidlosen Töten (Bundeswehr) diese oben beschriebene Wirkung nicht haben soll.

Zudem möchte ich darauf aufmerksam machen, dass im Zuge von „LAN-Partys“ es keinen einzigen Fall gibt, bei dem die Polizei wegen gewaltsamer Ausschreitungen eingreifen musste – übrigens im Gegensatz zu Fußballspielen, in deren Umfeld es in der Bundesrepublik erwiesenermaßen bereits etliche Tote gab – komischerweise fordert kein Politiker, Fußball zu verbieten.

Zudem würde mich interessieren, weshalb von den Millionen Wehrmachtveteranen, welche nun wirklich ohne Zweifel zum „mitleidlosem Töten“ erzogen wurden und dies auch Jahrelang praktizieren mussten, es nach dem Kriege nur einen einzigen Fall eines amoklaufenden Veteranen gab (am 11. Juni 1964 in Köln ). Ist Herr Herrmann der Meinung, dass Computerspiele stärker traumatisieren als der Zweite Weltkrieg?

Ich selber habe noch im Studium diese Spiele gespielt und habe als junger mehrfacher Familienvater und Diplomingenieur heute andere Präferenzen – nach der Mitteilung von Herrn Herrmann und die angeblichen „wissenschaftlichen Nachweise“ mache ich mir jedoch Sorgen über verborgene potentielle Traumatisierungen, welche möglicherweise in mir schlummern.

Daher nochmals die Bitte meinerseits nach wenigstens einer ernsthaften Veröffentlichung mit besagtem „eindeutigen Nachweis“

Mit freundlichen Grüßen
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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von doelf » 08 Apr 2009, 08:54

Mir ist keine eindeutige Studie bekannt, welche der Herr Minister anführen könnte. Darum verzichtet er wahrscheinlich auch darauf.

Allerdings haben Bremer Forscher an der dortigen Uni nachgewiesen, dass Bilder von Killerspielen im Vergleich zu Bildern von echter Gewalt im menschliche Gehirn ganz andere Zonen reagieren lassen:
http://www.focus.de/digital/games/kille ... 14731.html

Damit ist weitgehend bewiesen, dass gesunde Menschen zwischen Spiel und Realität unterscheiden können und - wie in deinem Fall - zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft (und nicht etwa zu Politikern) werden.

Gruß

Michael

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Re: Innenminister setzt Killerspiele mit Kinderpornos gleich

Beitrag von The Grinch » 09 Apr 2009, 06:50

doelf hat geschrieben:zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft (und nicht etwa zu Politikern) werden.
:mrgreen:
Wenn es nicht so ernst wäre, müsste man wirklich drüber lachen!

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