Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

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doelf
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Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von doelf » 12 Jun 2017, 10:09

In einem Interview mit dem Tagesspiegel hat sich der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) für eine Ausweitung der Gesichtserkennung, zugleich aber auch für den weiteren Einsatz von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bei Messenger-Diensten wie WhatsApp ausgesprochen. Im Gegensatz zur britische Noch-Premierministerin Theresa May will de Maizière gezielt abhören, statt flächendeckend zu überwachen.

Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung stellt sicher, dass nur Absender und Empfänger eine Mitteilung lesen können, nicht aber der Dienstanbieter und somit auch nicht die Geheimdienste oder Strafverfolgungsbehörden. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt somit unsere Privatsphäre und unsere Daten vor neugierigen Blicken und Kriminellen, doch sie kann auch Leben retten: Dank dieser sicheren Kommunikationsmethode können Journalisten und Dissidenten aus umkämpften Gebieten oder Ländern mit oppressiven Regierungen berichten. Die andere Seite der Medaille: Auch Terroristen können ihre Kommunikation über Ende-zu-Ende-Verschlüsselung absichern, allerdings könnten sie genauso gut mit Codewörtern arbeiten oder zuvor verschlüsselte Inhalte verschicken. Vielen Politikern ist die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung dennoch ein Dorn im Auge und sie verlangen daher Zugriff für ihren nationalen Überwachungsapparat.

Um Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden Zugriff auf die Inhalte von Mitteilungen oder Chats zu geben, müsste die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung abgeschafft oder mit Hintertüren versehen werden. Eine derart aufgeweichte Verschlüsselung wäre für staatliche Überwacher keine nennenswerte Hürde, was dann allerdings wieder die Frage aufwirft, welche nationalen Behörden im internationalen Netz wen überwachen dürfen. Während hierzulande viele Bürger immer noch der Meinung sind, sie hätten nichts zu verbergen, sollten sich diese die Frage stellen, ob sie auch Ländern wie der Türkei oder Russland umfassenden Zugriff auf ihre Kommunikation gewähren möchten. Es besteht aber auch die Gefahr, dass sich Kriminelle Zugang auf die Systeme des Dienstanbieters verschaffen und gleich millionenfach Daten abgreifen können. Diese können dann für den Identitätsdiebstahl oder Erpressungen missbraucht werden.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat seine Hausaufgaben anscheinend gemacht und verlangt im Gegensatz zu vielen seiner Amtskollegen keine massenhafte Auswertung der Messenger-Kommunikation, sondern setzt auf gezielte Überwachungsmaßnahmen. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte der Minister, dass die Bundesregierung die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ausdrücklich wolle. Um dennoch an die Kommunikation heranzukommen, müsse man daher beim Absender oder Empfänger ansetzen. Als geeignete Instrumente nennt er die Online-Durchsuchung und die Quellen-Telekommunikationsüberwachung (landläufig als "Bundestrojaner" bekannt), wobei deren Einsatz in der Strafprozessordnung erst noch verbindlich geregelt werden muss. Der Einsatz sei nur unter "strengen Voraussetzungen" möglich. Welche Voraussetzungen dies genau sind, erläutert de Maizière zwar nicht, verwies aber auf die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts.

Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung und dem Sammeln von Fluggastdaten, welche völlig ungezielt und anlasslos jeden Bürger erfassen, zielt die Überwachung von verschlüsselten Kommunikationsinhalten somit ausschließlich auf Verdächtige. Dies macht Sinn, sofern es eine richterliche Kontrolle der Maßnahmen gibt und diese Werkzeuge tatsächlich nur im Falle schwerer Verbrechen und Bedrohungen eingesetzt werden. Sollte der Bundestrojaner nicht nur gegen mutmaßliche Terroristen, kriminelle Vereinigungen oder bei Bedrohung von Leib und Leben zum Einsatz kommen, sondern auch zur Ermittlung von Urheberrechtsverletzungen verwendet werden, wäre dies indes höchst bedenklich. Bedenklich werden viele Bürger auch die Vorliebe de Maizières für Gesichtserkennung finden, denn diese würde der Minister am liebsten mit allen öffentlichen Videokameras koppeln. Dies verursache seiner Einschätzung nach nur eine geringe Einschränkung der Grundrechte.

Thomas de Maizière argumentiert, dass Unbeteiligte gar nicht erfasst werden. Diese Aussage ist allerdings irreführend, denn zunächst muss ein Gesicht erfasst und mit jenen Personen, nach denen eine Fahndung läuft, abgeglichen werden, um diese überhaupt als Unbeteiligte ausschließen zu können. Erst wenn dies geschehen ist, kann man die Daten von eindeutig Unbeteiligten verwerfen bzw. diese nicht speichern. Doch was passiert, wenn sich die Software unsicher ist? Wenn eine Person einem Gesuchten nur zu 58 Prozent entspricht? Werden deren Daten dann auch verworfen? Der Minister räumt ein, dass die Software noch ausführlich getestet werden muss. Ein Probebetrieb am Bahnhof Südkreuz in Berlin ist für diesen Sommer geplant - mit Freiwilligen. Offenbar will man dabei herausfinden, wie sich die Gesichtserkennung unter ungünstigen Bedingungen (Lichtverhältnisse, verhüllende Kleidung) schlägt.

Quelle:
http://www.tagesspiegel.de/politik/inte ... 18356.html
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The Grinch
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von The Grinch » 12 Jun 2017, 11:32

Dann sollen sich mal alle Politiker freiwillig melden, für den Probebetrieb!
Damit man die als erstes Erkennt und gleich richtig behandelt ...

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doelf
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von doelf » 19 Jun 2017, 11:53

Wie seht Ihr das mit der Überwachung von Messenger-Diensten?
Die deutschen Medien bewerten das ja mehrheitlich als Tabubruch. Den würde ich auch sehen, allerdings nur in Hinblick auf eine Massenüberwachung. Also wenn die Verschlüsselung aufgeweicht oder Hintertüren in die Dienste eingebaut werden.

Anders sieht dies in Einzelfällen aus, wo ein Richter die Überwachungsmaßnahme abgesegnet hat. Wenn hier die Hürden hoch genug liegen - Gefahr für Leib und Leben, konkreter Terrorverdacht, organisierte Kriminalität - und der Zugriff ohne einen Bruch der Verschlüsselung stattfindet, bewerte ich die Möglichkeit, auch Messenger-Dienste auszuwerten, als sinnvoll. Von mir aus auch mit einem Staatstrojaner. Der Grund liegt für mich auf der Hand: Die Kommunikationsmethoden haben sich verändert und nicht nur die braven Bürger "whatsappen", sondern auch die bösen Buben.

Das Grundproblem des Staatstrojaners bzw. des staatlichen Exploit-Kits, denn darauf wird es hinauslaufen, liegt einmal mehr in den Sicherheitslücken, welche dieser verwenden muss, um die Geräte der Zielperson zu infiltrieren. Diese Sicherheitslücken könnte man auch schließen und das Produkt damit sicherer machen. In der Praxis gibt es aber unzählige Sicherheitslücken und alle möglichen Staaten und Kriminelle horten diese für ihre Zwecke. Da macht es - realistisch betrachtet - keinen großen Unterschied, ob auch die deutschen Ermittler die eine oder andere Schwachstelle für sich behalten.

Versteht mich nicht falsch: In einer perfekten Welt wären alle Regierungen vertrauenswürdig und würden alle Sicherheitslücken sofort melden, doch dem ist nicht so. Zudem werden gemeldete Schwachstellen oft auch einfach ignoriert bzw. finden den Weg auf die Geräte der Nutzer nicht - bestes Beispiel hierfür sind nach wie vor Smartphones und Tablets auf Basis von Android. Und selbst wenn es Updates gibt, werden sie von vielen Nutzern ignoriert - gerade bei Routern ist das fast immer der Fall.

Wenn ich die weltweite Internetpolitik betrachte, welche nur zu oft auf massenhafte Datensammlungen zielt, bin ich schon froh, wenn ein Innenminister mal von Ermittlungswerkzeugen spricht. Denn nicht die Datensammelwut, sondern zielgerichtete Ermittlungsarbeit überführen Verbrecher und Terroristen.

Das ist mein aktueller Standpunkt, aber ich würde gerne auch Euren erfahren. Eventuell bin ich ja auf dem Holzweg...

Michael
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von doelf » 20 Jun 2017, 16:39

Keine Meinung ist auch keine Lösung :-(
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von neO » 22 Jun 2017, 09:59

Kurz, ohne viel Zeit gehabt zu haben viel zu überlegen oder zu lesen (sry):

Wenn es zumindest auf wenige, sehr sehr schwere Straftatenarten beschränkt wäre, müßte man nicht viel diskutieren.

Das ganze ist aber jetzt schon total aufgeweicht und man hat kaum eine Möglichkeit sich gegen einen Staat zu wehren in dem die Demokratischen Werte mit den Füßen getreten werden.

Das würde ein Problem sein.
Das ist ein Problem in einem Staat wie der Türkei z.B. .

Sag einfach "Gedankenverbrecher" statt Terrorist und verdächtige dann alle "mit keinem Hut auf" und los geht das altbekannte Spiel bei dem die Grundrechte mit den Füßen getreten werden.

Die Technischen Möglichkeiten zu schaffen, ist ein Fehler.
Alles wird auch zum Schlechten oder für mehr Überwachung eingesetzt, einfach weil z.B. die Geheimdienste es können.

Die Gesetze so zu machen, das sie mißbrauchbar sind, ist der andere Fehler.




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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von doelf » 22 Jun 2017, 11:17

Auf der anderen Seite muss man überhaupt in der Lage sein, Beweise zu sammeln. Mit einer unantastbaren digitalen Kommunikation wird das nicht möglich sein. Zudem werden solche Werkzeuge wie der Bundes-Trojaner von zig Firmen in zig Ländern entwickelt und an alle gut zahlenden Kunden verkauft. Wenn wir unseren Behörden die Nutzung solcher Werkzeuge verbieten, macht es ja nicht auf einmal Plöpp und die lösen sich alle in Wohlgefallen auf. Wir müssen wohl oder übel damit leben, dass unsere Kommunikation höchst angreifbar ist. Und vielleicht schafft es ein Bundestrojaner zumindest, das Bewusstsein für diesen Fakt zu schärfen.

Was solche "Beweise" wert sind, steht auf einem anderen Blatt. Wenn sich Kriminelle zusammen mit französischen, amerikanischen, britischen, russischen und türkischen Geheimdiensten auf meinen Geräten tummeln, dort Daten stehlen und manipulieren, sind diese als Beweis nur Schall und Rauch. Wer hat's geschrieben? Der Benutzer, seine Katze, die NSA oder Putins oder Erdogans Schwergen? Das lässt sich nicht mit Sicherheit nachvollziehen. Somit müssen andere Fakten wie der Bombenbauplan auf dem Klo, die Chemikalien im Keller und die gelegentlichen Treffen mit rechtsradikalen islamistischen Zionisten für eine schlüssige Beweiskette sorgen, in der die digitalen Daten nur als Bindeglieder fungieren.

Was die notorisch schwammig formulierten Gesetzestexte angeht: Das ist ein Unding, eine absolute Frechheit. Wie üblich wird das Bundesverfassungsgericht wieder nachbessern müssen und dann werden die üblichen Politiker den Richtern wieder vorhalten, sie würden unsere Gesetze umschreiben und dabei das Parlament übergehen. Aber einer muss den Job ja machen und unsere Politiker scheinen ja nicht in der Lage zu sein, wasserdichte Gesetze zu verfassen.

Gruß

Michael
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von neO » 24 Jun 2017, 09:54

Nunja, wenn alle die Lücken offen halten und heimlich teuer einkaufen ohne zu Wissen wer die Lücken auch noch kennt ist dies fast schon boshaft.

Technische Möglichkeiten schaffen:
Wer Kameras und Autokennzeichenscanner einführt, die mehr können als sie müssen, beugt dem Mißbrauch nicht vor.
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von neO » 24 Jun 2017, 10:03

Küppersbusch:
(..)Es tut seinen Effekt: über Fingerabdrücke von sechsjährigen Flüchtlingskindern, DNA-Analysen bis zu Alter, Haar- und Augenfarbe und „Herkunft“ und die Zentralisierung von Polizeiarbeit ist jenseits der WhatsApp-Schlagzeile weniger die Rede. Dem Verfassungsgebot „Polizei ist Ländersache“ steht inzwischen eine hochgerüstete Bundespolizeibehörde gegenüber.(..)
http://www.taz.de/Die-Woche/!5418679/
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Re: Bundesinnenminister für Gesichtserkennung und Verschlüsselung

Beitrag von doelf » 24 Jun 2017, 10:50

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