Kolumne: Das große Kuschen

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doelf
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Kolumne: Das große Kuschen

Beitrag von doelf » 11 Okt 2019, 13:46

Menschenrechte? Irrelevant. Demokratie: Unwichtig. Umweltschutz: Lieber nicht ansprechen. Hinrichtungen: Eine interne Angelegenheit. Hongkong: PSSSSSST! Wer auf den gewaltigen chinesischen Markt schielt, muss auch mal auf beiden Augen blind sein, um bei der Zentralregierung in Peking nicht in Ungnade zu fallen. Aktuelle Beispiel sind Apple und Activision-Blizzard.

Bei Apple hatte die App HKmap für heftige Drohungen des chinesischen Staates gesorgt. Über diese App konnten sich die Bewohner Hongkongs darüber informieren, wo sich die Polizei der Sonderverwaltungszone versammelt. Während die Macher der App erklären, dass diese Informationen zum Schutz der Demonstranten dienen, werden die Daten laut Peking für gezielte Angriffe auf die Ordnungshüter missbraucht. Beweise hierfür gibt es keine, dennoch hat Apple die offizielle Sichtweise Pekings übernommen und HKmap aus seinem App-Store verbannt. Kein Wunder, jedes Quartal gibt es Milliarden guter Gründe, die Machthaber in China nicht zu verärgern! China ist für Apple wichtig und als Markt schon schwierig genug, insbesondere im aktuellen Handelsklima.

Auch der E-Sportler Ng Wai Chung (blitzchung) ist zum Politikum geworden: Er hatte sich in einem Livestream während eines von Activision-Blizzard ausgetragenen Hearthstone-Turniers mit den Protesten in Hongkong solidarisiert und war daraufhin von Activision-Blizzard wegen Vertragsverstößen für zwölf Monate gesperrt worden. Zudem hat das Unternehmen seine bisherigen Preisgelder genullt. Andere Spieler unterstützen blitzchung, halten Plakate vor die Kameras oder rufen gleich zum Boykott der Firma auf. Insgesamt zeigt sich die Gamer-Gemeinde aber eher unentschlossen, viele wollen Politik aus den Spielen ganz heraus halten und folgen daher den Argumentation von Activision-Blizzard.

Sicher, China ist eine Großmacht - wirtschaftlich wie militärisch. Und China gibt sich grundsätzlich sehr dünnhäutig, wenn es um "interne" Dinge geht. Doch diese Dünnhäutigkeit ist nicht nur verletzter Stolz, sondern durchaus eine Strategie: Je lauter China empört aufschreit, desto eher werden Firmen und Politiker verstummen und sich fügen - oder, wie im Falle von Activision-Blizzard, im vorauseilenden Gehorsam drakonische Strafen verhängen, um den Zorn des Riesen erst gar nicht hochkochen zu lassen. Das mag der bequeme und wirtschaftlich sicherste Weg sein, doch moralisch ist es der falsche. Das ist auch den Kunden aus westlichen Ländern bewusst, denen die Doppelmoral der Firmen keineswegs entgeht. Wer sich beim Spagat gen Osten zu sehr verbiegt, verliert im Westen seine Glaubwürdigkeit.

Damit stellt sich die Frage, ob möglicherweise Donald Trump der letzte aufrechte Verfechter westlicher Werte ist. Glücklicherweise können wir dies verneinen: Auch wenn Trump kürzlich die Existenz der Uiguren entdeckt hat, geht es dem US-Präsidenten nur um die US-amerikanische Wirtschaft. Unfaire Handelspraktiken und Wirtschaftsspionage sind zwar weitere Kritikpunkte, die sich China gefallen lassen muss, doch es gibt, wie eingangs erwähnt, grundlegendere Fragen. Tatsächlich hat Trump mit seinem Konfrontationskurs einige Kratzer auf Chinas Stolz, der Wirtschaft, hinterlassen, mehr aber auch nicht. Und auch die Frage, wer aus diesem Konflikt als Sieger hervorgehen wird, ist noch lange nicht geklärt.

Natürlich wäre es vermessen, China westliche Werte aufzwingen zu wollen. Doch es gibt allgemeingültige Menschenrechte wie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, den Schutz vor Folter, das Recht auf Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Privatsphäre sowie Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Informationsfreiheit. China tritt diese Rechte auf dem Weg in einen vollkommenen Überwachungsstaat mit Füßen. Doch wenn China mit dem Rest der Welt handeln möchte, muss die Regierung in Peking einen gemeinsamen Nenner mit der internationalen Gemeinschaft finden. Denn auch das ist der Preis einer Globalisierung, die sich das immer schon sehr verschlossene Reich der Mitte nach eigener Aussage weiterhin wünscht.
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ChrisP

Re: Kolumne: Das große Kuschen

Beitrag von ChrisP » 14 Okt 2019, 06:47

Wieso?

Es funktioniert doch. China ist seit Jahren die verlängerte Werkbank der Welt, ohne daß sich irgend jemand Gedanken um das Regime oder die Konsequenzen, die das für uns hat, gemacht hat. Faktisch kommen doch heute die meisten Produkte aus China; und wenn es noch funktionierende Firmen in Deutschland gibt, werden die im Zweifelsfall noch von den Chinesen aufgekauft.

China konnte aber bislang preisgüntig produzieren und im Endeffekt geht es doch nur um eins: Das liebe Geld.

Gruß
Christian

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Re: Kolumne: Das große Kuschen

Beitrag von doelf » 14 Okt 2019, 08:40

Ja, es funktioniert. Und, wie Du sehr genau erkannt hast, funktioniert es für China.
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